Beitragsseiten

 

 

Uli Otto, Thomas Otto, Eginhard König, Helmut Köppl, Wolfgang Nowak, Dieter Groß, Gerlinde Reimann, Georg Balling, Manfred Langer, Andreas Lechner, Markus Mayer, Ali Stadler, Reinhold Wittke

 

 

 „Wackersdorf “-Lieder

Lieder aus dem oberpfälzer Widerstand der 1980er Jahre

 

Fundus Lieder gegen die WAA

 

 

In diesem Kapitel wollen wir wenigstens ansatzweise einen Querschnitt durch die Lieder und Musikstücke bieten, die in den 1980er Jahren von verschiedenen Musikern und Musik­gruppen bei zahllosen Anti-WAA-Veranstaltungen und ähnlichen Events in der Umgebung des damaligen Baugeländes im Raum Wackersdorf vorgestellt wurden. Kernpunkt der damali­gen politischen Auseinandersetzungen in der Oberpfalz war die geplante und mit Milliarden­aufwand bereits halb fertig gestellte atomare Wieder-Aufbereitungs-Anlage (WAA) bei Wa­ckersdorf. Seit dem Ende der WAA-Planungen sind Anti-WAA-Lieder zu historischen Liedern geworden, nicht mehr tauglich in der aktuellen politischen Auseinandersetzung, stattdessen jetzt aber zeitgeschichtliche Dokumente, Zeugnisse der Mentalitätsgeschichte. Dabei weisen Lieder nicht nur dann einen politischen Charakter auf, wenn sich ihre Texte auf einen konkre­ten politischen Hintergrund oder Anlass beziehen. Vielmehr kommt es immer auch auf den jeweiligen Kontext an, in welchem sie stehen und etwa aufgeführt werden. Auf diese Weise kann sogar aus einem von seinem Inhalt her vermeintlich völlig unpolitischen ein „politisches Lied“ werden, wenn es in einer bestimmten Situation gesungen wird. Und dies gilt natürlich auch für reine Instrumentalstücke.

Der Bau der WAA hat sich damals durchaus befruchtend auf die Volksmusikproduktion ausgewirkt. Eine besondere Rolle spielte dabei für unsere Region die Regensburger Gruppe „d’Nussgackl“, die ihren Namen vom Eichelhäher herleitet. In einer ironischen Selbstbeschrei­bung der Gruppe heißt es: „Als Nussgackl wird in der nördlichen Oberpfalz der Eichelhäher bezeichnet. Dieser Nussgackl, ein schöner, bunter Vogel, fällt weder durch große Nützlichkeit, noch durch schönen Gesang, noch durch wilden Kampfesmut auf. Er macht sich lediglich mit durchdringendem, hartnäckigem Protestgeschrei bemerkbar, wenn einer in sein Revier ein­dringt, den er dort nicht gern sieht“.

Die „Nussgackl“ waren von Anfang an konsequente Gegner der Atomfabrik, eindeutig in der politischen Aussage; sie wählten ebenso den gewaltfreien Weg, kämpften mit Gitarre und Hackbrett, mit Saubass, Brummtopf und Bauernterz. Sie sangen und spielten gegen die WAA im Hüttendorf, auf dem internationalen Anti-WAA-Folk-Festival, bei den WIDERHALL-Veran­staltungen in Regensburg und auf vielen anderen Konzerten bei vielen Gelegenheiten. Die Gruppe war in den 1980er Jahren nicht nur in der oberpfälzischen Donaumetropole überaus beliebt und bekannt, wenn sie heute auch – zumindest was eine breitere Öffentlichkeit anbe­langt – weitgehend vergessen ist.

 Dabei boten bayerische Gruppen wie „d’Nussgackl“, die „Mehlprimeln“, die „Bier­mösl-Blosn“, die „Guglhupfa“ in guter „Volkssängertradition“ eben „kein romantisches und geschöntes Bild der Realität, wenden sich gegen Großbauprojekte (wie z.B. Flughafenbau im Erdinger Moos, Rhein-Main-Donaukanal im Altmühltal). Weitere Themen der Gruppen sind die möglichen Gefahren der Atomkraft bzw. der geplanten  Wiederaufarbeitungsanlage im oberpfälzischen Wackersdorf sowie die beständige Hochrüstung in Ost und West. Daneben kritisieren sie den Massentourismus mit seinen negativen Auswirkungen für die heimische Be­völkerung, Bodenspekulantentum und Wohnungsnot, Ausländerfeindlichkeit, Neonazismus, obrigkeitsstaatliche Strukturen und Untertanenmentalität. Nicht zuletzt die Bonner Gescheh­nisse der letzten Zeit, die Affären um Flick, Wörner/Kießling, Schwarz-Schilling und andere mehr bieten den Gruppen reichlich Anlass zur Kritik und Stoff zur kritisch-musikalischen, sati­rischen Verarbeitung“ gerade bei Anti-WAA-Veranstaltungen nicht nur in der Oberpfalz. Bei diesen genannten Formationen bestand „die direkte Verbindung (…) zur Volksmusik bzw. zum Volkslied (…), da überlieferte, authentische Melodien – wenn auch nicht ausschließlich, so doch meistens – verarbeitet werden; dies natürlich kein Wunder, da die meisten ihrer Musi­kanten“, zumindest im Fall der ‚Biermösl Blosn‘ und der ‚Guglhupfa‘, „schon von ihrer famili­ären Herkunft her in einer volks-musikalischen Tradition stehen. Auch das von den Gruppen benutzte Instrumentarium entstammt größtenteils dem Bereich der bayerischen Volksmusik, sieht man von einigen seltener eingesetzten Instrumenten wie Bodhran (=irische Handtrom­mel), Banjo oder Tin-Whistle ab. Die Auftritte der Gruppen mit ihrem neuen Repertoire erfol­gen wohl selten bei Sänger- und Musikantentreffen, sondern weitaus öfter auf Kleinkunstbüh­nen und bei politischen Veranstaltungen“ und Demonstrationen, wobei die Musiker wie viele andere ihrer Kollegen auch ganz bewusst während der Platzbesetzungen im Hüttendorf oder bei verschiedenen Anti-WAA-Festivals auftraten.